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Die Künstlerin

Die Künstlerin nimmt meinen Arm und lacht mich an. Ihr Händedruck ist mindestens so stark wie der des Bürgermeisters, doch der ist nicht einmal 50 Jahre alt - sie hingegen ist 80. Sie zeigt mir ein Bild, das sie erst vor einigen Jahren gemalt hat: "Einst in Ostpreußen". Es zeigt eine verschneite Waldlandschaft, und der Wind weht dort so heftig, dass die majestätischen Tannen sich tief neigen.

"Als im September 1939 der Krieg anfing, was ich zwölf. Wir waren in der ostpreußischen Provinz Masuren, und ich bin mit meinem 13 Jahre alten Bruder und seinem Freund über den Fluss an der Grenze nach Polen gegangen. Wir haben dort die Dörfer gesehen: Sie waren verlassen, nur manchmal konnten wir Schatten huschen sehen. Da haben sich wohl Menschen versteckt, die Angst hatten." Sie greift meinen Rücken, strahlt mich an, als sie ihre Geschichte erzählt. "Als wir zurückgegangen sind, war unser Weg von Schneewehen komplett verdeckt. Wir konnten ihn nicht mehr finden - und schließlich haben wir uns in einer Mulde einen Iglu gebaut und dort verkrochen. Die ganze Nacht lang habe ich die Jungs geschüttelt, damit sie nicht einschliefen - denn das wäre ihr Ende gewesen." Das Stück Wald, auf dem sie sich verkrochen hatten, ist auf dem Bild zu sehen. "Mir ist später ein Bild begegnet, das mich an diese Szene erinnert hat", berichtet sie. "Da habe ich die Erinnerungen in dem Gemälde verarbeitet."

"Wissen Sie, was uns am nächsten Morgen gerettet hat?" Ein Stück Krieg war es. Ein Scheinwerfer nämlich, der im Kreis ins Land hinaus leuchtete: "Sie hatten ihn wahrscheinlich zur Orientierung für Versorgungsflugzeuge aufgestellt. Es schneite immer noch, und ich habe ihn etwa neun Kilometer von unserem Unterschlupf entfernt entdeckt. Da wusste ich: In dieser Richtung geht es nach Hause." Sie hat durchgehalten. Sie war zäh. "Das war immer meine Art."

Sie zeigt mir noch ein anderes Bild. Es ist eine Collage aus Malerei und Fotografien: Viele Schmetterlinge sind darauf zu sehen, ein Adler, Bilder von Menschen, und ein Spruch: "Wer fliegen kann, sollte nicht seine Schwingen aus Mitleid mit den Fußgängern abwerfen, er soll lieber das Fliegen lehren." Daphne DuMaurier. "Sehen Sie den Mann neben dem Spruch? Er hat die Augenbrauen hochgezogen und die Stirn in Falten, er schaut zweifelnd drein. Das ist ein Pessimist. Doch die zwei jungen Menschen, die auf der anderen Seite entlang gehen, die können fliegen." Sie schreiten vom Betrachter weg, jeder mit einem Arm auf dem Rücken des Anderen. "Und die, die an der Küste auf einem Stein sitzen." Die Künstlerin lacht nicht nur, sie strahlt förmlich. Sie strahlt aus. Sie strahlt Energie aus, Lebensfreude, Kreativität, Kraft, Frische. 1999 hat sie angefangen, zu malen. Und ihre Bilder sind fabelhaft, beinah, als hätte sie schon ihr ganzes Leben lang gemalt. "Mein Leben war voller Kämpfe, und als ich 1999 so weit war, zu tun was ich mochte, habe ich mir gesagt: Ich höre noch lange nicht auf, ich stecke voller Ideen." Es gibt noch so viel zu tun. "Manchmal stehe ich morgens auf und fange gleich an zu malen - noch im Morgenrock. Am Nachmittag oder Abend wird mir schlecht, und ich merke, dass ich noch nicht einmal etwas gegessen habe. So sehr verliere ich mich in der Kunst." Mit ihrer frohen, natürlichen Art führt sie die Besucher der Vernissage über ihre Ausstellung, zeigt ihre Bilder und Skulpturen. "Ich wollte ein junges Mädchen machen, doch dann habe ich zu viel weg geschnitzt, und jetzt ist es eine alte Oma geworden, die betet", lacht sie. Reisen haben sie inspiriert: "Mein Sohn ist bei der Lufthansa, und ich konnte für 20 Prozent weniger in der Welt herum reisen. Doch jetzt will ich nicht mehr reisen. Jetzt fahre ich Rad, das hält mich gesund und jung." Sie schaut mich an: "Sie sind ein schöner junger Mann. Sind Sie verheiratet?" Ich verneine. "Ich wünsche Ihnen eine wunderschöne Frau." Sie kennt mich nicht einmal, und begegnet mir doch mit so viel Wärme und Offenheit.

"Da ist noch eine Geschichte, die ich ihnen unbedingt erzählen muss. Kurz vor dem Kriegsende waren wir auf der Flucht." Von Königsberg ging es gen Westen, unter Beschuss, wie der Bürgermeister schon erklärt hat. "Im Gotenhafen lag das Schiff Wilhelm Gustloff, mit dem wir fliehen wollten. Es trug Tausende von Flüchtlingen. Wir waren schon auf dem Gateway, doch dann hat uns die Mannschaft fort geschickt." Wenig später wurde die Wilhelm Gustloff von einem sowjetischen U-Boot torpediert und versenkt, vermutlich waren über 10000 Menschen, darunter viele Kinder, an Bord. "Wir mussten also zu Fuß weiter", erzählt die Künstlerin weiter. "Und mit offenen Güterwagen. Wir waren bis zum Nabel eingeschneit. Und dann blieb der Güterzug nach Stettin mitten auf der Strecke stehen, denn es ging nicht mehr weiter. Und dann... Das war für mich ein Moment der Versöhnung: Vor uns war ein Zug mit Franzosen, und einer von ihnen ging an unserem Zug entlang und rief zu uns hinauf, dass wir bei ihnen Erbsensuppe mit Pferdefleisch haben könnten, wenn wir wollten. Wir sollten nur mit unserem Geschirr zu ihnen kommen. Die Pferde lagen tot und gefroren auf den Straßen, und das Fleisch war ganz frisch. Ich weiß noch, wie die Leute mit Schnee ihre Nachttöpfe sauber gemacht haben. Wir haben alles genommen, was wir benutzen konnten. Können Sie sich das vorstellen? Diese Franzosen haben uns gerettet. Nach all der Schuld, die wir auf uns geladen hatten! Sie hätten genau so gut sagen können: 'Das sind unsere Feinde, lassen wir sie doch verrecken.'"

"Ich könnte so viele Geschichten erzählen", sagt sie mir noch.
3.7.07 21:33


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The Blues is back and it's here to stay

Gary Moore: In den 1980er Jahren spielte er Heavy Metal, mit den 1990ern besann er sich auf den Blues, später folgten ein paar experimentelle Platten, und jetzt ist er mit dem Blues zurück - und wie. Die neuste Scheibe "Close as you get", seit Kurzem auf dem Markt, ist ein absoluter Hochgenuss - sowohl in den Stücken, die Rock und Blues vereinigen (sehr prominent auch auf dem 2004er Vorgänger "Power of the Blues" vertreten) wie auch - und da erst recht - in den phantastischen Balladen. Gary Moore pur: Herrlich.

Nuff said, go out and get it :-)

NOW PLAYING: Gary Moore - Close as you get

31.7.07 12:21





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